
OJO / VISUELLE IDENTITÄT NICARAGUAS
CREDITS: Idee, Konzeption, Koordination und Gestaltung: Dominique Hufschmid
Fotografie: Dominique Hufschmid und Xabier Garay
Nicaraguas Strassenleben ist laut, chaotisch und vor allem bunt. Leute treffen sich um Neuigkeiten auszutauschen, um sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, um Waren zu kaufen und zu verkaufen und um ihren alltäglichen Gewohnheiten nachzugehen.
Über die Zeit werden von diesen Menschen Spuren hinterlassen: Farben auf Wänden, zufällig entstandene räumliche Szenerien und handgemalte Werbeschriften. Wie ein visuelles Tagebuch erzählen einem diese von Menschen und deren Träumen, Wünschen, Angeboten, Meinungen, Bräuchen und täglichen Gewohnheiten.
Auf der Suche nach einer eigenen visuellen nicaraguanischen Identität untersucht das vorliegende Buch diese vom Mensch im urbanen Umfeld hinterlassenen Situationen und zeigt so, dass Nicaragua weit mehr zu bieten hat als die allgemein bekannten Klischees von armen Kindern oder unberührten tropischen Stränden.
Beim Erarbeiten von OJO wurden Designstudenten der Schule für Gestaltung von Managua in das Projekt integriert. Beim Auseinandersetzten mit der eigenen Kultur lernten die Studenten nicht nur sich selbst sondern auch ihre Kultur, deren Werte, Eigenheiten, Besonderheiten und Ursprünge besser kennen. Damit wird ein Grundstein für einen eigenständigen, nicaraguanischen Designstil gelegt.

KAPITEL 1 / 2D – WAND: Dieser Teil untersucht die Mauern, Fassaden und Wände von Nicaragua. Wandmalereien (Murales) haben in ganz Zentralamerika eine lange Tradition, welche bis auf die prähistorische Zeit zurück geht. Über die Jahre hat sich diese Art von Ausdrucksweise verändert, weiterentwickelt und hat die bewegte Geschichte, die Ideen und wechselnden Ideale des Itsmo (Zentralamerikanische Landbrücke) begleitet und dokumentiert. Heutzutage sind vor allem kommerzielle Wandmalereien anzutreffen, welche von Geschäften an ihren Fassaden angebracht werden um ihre Kunden über ihre Waren oder Dienstleistungen zu informieren. Die individuell gestalteten Werbungen reflektieren auf eine kreative und originelle Weise den Humor und Geschmack der nicaraguanischen Bevölkerung.
KAPITEL 2 / 3D – RAUM: In den Strassen Nicaraguas bilden dekorativer Geschmack der Menschen und chaotischer Zufall der Armut eine Einheit. Die Räume und Volumen reflektieren einen praktischen Gebrauch, einen Nutzen oder eine Tätigkeit. So sind im zweiten Teil von “OJO” verlassene Arbeitsplätze, Ladendekorationen, zu Nutzgegenständen umfunktionierter Abfall oder durch Arbeiten entstandene Farbkombinationen abgebildet. Durch sie erfahren wir von täglichen Tätigkeiten und Geschichten, welche sich in diesen Räumen abgespielt haben.
KAPITEL 3 / TIPO: Auf den Wänden Nicaraguas tummeln sich unzählige handgemachte Schriften in allen möglichen Farben und Formen. Diese “Wilden Schriften” sind einer wachsenden Bedrohung ausgesetzt: der Verdrängung durch importierte Schriften. Wir können hier einen Vergleich zur Tierwelt ziehen. Die einheimischen, wilden Arten werden mehr und mehr verdrängt durch domestizierte, importierte. Die Artenvielfalt geht immer mehr verloren und somit auch ein wichtiger Teil der lokalen Identität. Gerade aber diese auf lokalem Geschmack, Techniken und Umwelteinflüssen basierenden Kreationen bieten Inspirationsgrundlage für die Entwicklung eigener digitalen Schriften.